Die Tagung "Blütenvielfalt in der Agrarlandschaft" hat am Freitag 29. Februar 2008 in Hamm - Oberwerries stattgefunden. Im folgenden finden Sie eine Zusammenfassung der Tagungsergebnisse und die meisten Beiträge als PDF-Dokumente zum Download.
Bioland und Demeter NRW hatten gemeinsam mit dem Netzwerk Blühende Landschaft im Februar 2008 ins Schloss Oberwerries bei Hamm geladen. Etwas über 100 interessierte Teilnehmer, bunt gemischt - aus Naturschutz, Jägerschaft, Imkerschaft, Landwirtschaft, Behörden und Politik – waren angereist.
Nach der Eröffnung durch Bioland-Vorstand Heinz Josef Thuneke und den Grußworten von Minister Uhlenberg (Minister für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen) fragte Utto Baumgartner vom Netzwerk Blühende Landschaft provokant "Ist Blütenvielfalt in der Agrarlandschaft Luxus?"
Mit anschaulichen Bildern von eintönigen Mais-, Raps- und Getreideflächen, öden Vorgärten und akkurat gepflegtem Öffentlichem Grün und greifbaren Alternativvorschlägen, etwa von blühenden Ackerrandstreifen, blühenden Zwischenfrüchte und mit einheimischen Kräutern bepflanzten Verkehrsinseln überzeugte Baumgartner die Zuhörer, dass dieser vermeintliche Luxus Blütenvielfalt eigentlich eine Notwendigkeit darstellt. Nicht nur Nektar und Pollen suchende Insekten, wie Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Käfer profitieren davon, sondern auch besonders wir Menschen.
Weltweit sind etwa 30% der menschlichen Nahrungspflanzen auf Bestäubung durch Insekten angewiesen. So forderte Baumgartner einen Ausgleich für den Wegfall der bisher von der EU geförderten Ökologischen Flächenstilllegung in der Landwirtschaft - deutschlandweit werden dadurch 600.000 ha wertvoller Rückzugsräume für die Tierwelt vor allem dem Anbau von sogenannten nachwachsenden Rohstoffen zum Opfer fallen.
Infos im Internet: www.bluehende-landschaft.de
Tagungsbeitrag: Wege zu einer Blühenden Landschaft
Dr. Thomas van Elsen vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau führte die Teilnehmer in die Welt der Ackerwildkräuter ein. Die zunehmendre Intensivierung der Landwirtschaft führen zu einem immer stärkeren Artenschwund im "Lebensraum Acker". Heute steht jede zweite Ackerwildkraut-Art in mindestens einem Bundesland Deutschlands auf der Roten Liste.
Die Thesen des "Karlstadter Positionspapier zum Schutz der Ackerwildkräuter" beschreiben die Situation und schlagen vor, bei aktuellen Blühstreifen-Konzepte zum Wildtier- und Insektenschutz die Ziele des Segetalartenschutzes zu integrieren.
Das Projekt "100 Äcker für die Vielfalt" zielt auf die Errichtung eines bundesweiten Schutzgebiets-Netzes für Ackerwildkräuter. Mit dem Projekt, das von der DBU (Deutsche Bundesstiftung Umwelt) gefördert wird, besteht die realistische Chance, dem voranschreitenden Schwund der Ackerwildkräuter durch ein Netz von Schutzflächen langfristig zu begegnen.
Infos im Internet: www.schutzaecker.de
Tagungsbeitrag: Blütenvielfalt der Äcker aus Sicht der Botanik
Anschließend hielt Dr. Werner Mühlen von der Abteilung Bienenkunde der Landwirtschaftskammer NRW ein unterhaltsames und zugleich bewegendes Plädoyer für den Lebensraumschutz der kleinen Tiere und ein Bewusstsein für das große Netzwerk der Lebewesen untereinander. Denn kein Großsäuger, ob Luchs, Bär oder Mensch kann ohne die vielen kleinen verknüpften Seile des Nahrungsnetzes aufrecht stehen.
Auf einen anderen Fokus, nämlich höhere zeitliche Kontinuität des Lebensraums Brache, legte Gerhard Thomas, Vertreter des Landesjagdverbandes NRW, wert. Die Jägerschaft fordert nicht nur Blütenvielfalt im Sommer, sondern auch ausreichend Deckung für das Niederwild im Winter.
Blühende Felder im Sommer sind zwar der Öffentlichkeit besser zu verkaufen, als altes Gras im März. Letzteres ist aber für das Niederwild wichtiger und dient sowohl als Deckung, als auch als Nestbaumaterial oder als Lebensraum für zahlreiche Insekten, die dem Niederwild als Nahrung dienen. Die überständigen Kulturen bringen den Erfolg. Für diesen Zweck geeignete Ansaatmischungen hat der Landesjagdverband zusammengestellt und in der Praxis erprobt.
Die Jägerschaft favorisiert die Anlage von mehrjährigen Ackerstreifen, wobei die Vorgewende regulär bewirtschaftet werden, um Erholungssuchende mit und ohne Hund von dem Betreten abzuhalten.
Tagungsbeitrag: Problem aus Sicht des Wildes und der Jäger
Eva Meyerhoff, Naturschutzberaterin am Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen, brachte den Zuhörern konkrete Umsetzungsbeispiele von Maßnahmen für mehr Blütenvielfalt in der Landwirtschaft näher. Sie unterstrich eindrucksvoll, dass die Umsetzungen vor allem dann erfolgreich sind, wenn die Landwirte bei selbst gewollten Maßnahmen durch Beratung unterstützt werden und wenn keine erheblichen Bewirtschaftungseinbußen auftreten.
Infos im Internet: www.oeko-komp.de weiter klicken zu "Naturschutzberatung".
Ähnliche Ergebnisse erbrachte ein vierjähriges Forschungsprojekt zu Blühstreifen als betriebsintegrierte Naturschutzmaßnahme in der Börde, wie Alexander Becker von der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft berichtete. Mehrjährige Blühstreifen sind sehr einfach und flexibel anzulegen und zeigten selbst in der intensiv agrarisch genutzten Kölner Bucht deutliche Verbesserungen für die Kleinfauna. Auch nach Ende des Projektes führen einige Landwirte weiterhin Blühstreifen verschiedener Entwicklungsstadien weiter.
Infos im Internet: www.rheinische-kulturlandschaft.de
Tagungsbeitrag: Blühstreifen als betriebsintegrierte Naturschutzmaßnahme
Zum Abschluss der Vorträge beleuchtete Dr. Ulrich Hampl von der Stiftung Ökologie & Landbau die Chancen und Möglichkeiten des Ökolandbaus, sich in der Diskussion aktiv einzubringen. Der Ökolandbau fördert die natürliche Bodenfruchtbarkeit durch Anbau artenreicher Gründüngung mit Leguminosen, sowie die verringerte Nutzungsintensität der Flächen unter Verzicht auf den Einsatz von mineralischem Dünger und synthetischer Pflanzenschutzmittel.
Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegen die positiven Wirkungen des Ökolandbaus wie beispielsweise die höhere Artenvielfalt auf Flächen des Ökolandbaus im Vergleich zu konventionell bewirtschafteten Flächen. Die Verbraucher haben es selbst in der Hand, Bio-Produkte bevozugt einzukaufen und damit eine blühende Landschaft zu fördern.
Tagungsbeitrag: Blühende Landschaft – der Beitrag des Ökolandbaus
Zwischen den Vorträgen war reichlich Gelegenheit zur Diskussion. Besonders die Missstände im Öffentlichen Grün wurden beklagt. Durch allzu häufigen Schnitt von Grünflächen auf "Ameisenkniehöhe", wie es eine Teilnehmerin auf den Punkt brachte, gehen viele potentiell bunte Flächen verloren. Im Zuge eines öffentlichen Bewusstseinswandels verständigten sich die Teilnehmer auf eine zukünftige Umbenennung in "Öffentliches Bunt".
Mit der für einige möglicherweise überraschenden Erkenntnis, dass eine Biene kein Reh sei, wurde in der Schlussdiskussion deutlich, dass alle anwesenden Akteure das gleiche Ziel einer lebenswerten blühenden Landschaft verfolgen. Je nach Sparte hat jeder seinen eigenen Blickwinkel und tritt besonders für seine spezielle Zielart ein. So wurde am Ende das gemeinsame Anliegen klar formuliert: Eine Idealmaßnahme gibt es nicht, nur viele verschiedene, gute Maßnahmen führen zu einer vielfältigen, lebendigen und blühenden Landschaft.
Allen Beteiligen herzlichen Dank.
Der Dank gilt vor allem Ute Buschhaus, Naturschutzberaterin bei Bioland und Demeter NRW, für die sehr gute Organisation, Moderation und Gastfreundschaft. Finanziell wurde die Veranstaltung unterstützt von der Stiftung für Umwelt und Entwicklung in Bonn.
Holger Loritz, Bamberg
Netzwerk Blühende Landschaft, www.bluehende-landschaft.de